Die Unabhängigen


Die Schweiz war noch nie gerne abhängig vom Ausland – ausser bei der Energie. In diesem Bereich importiert man seit Jahrzehnten fossile Brennstoffe. Doch nun gibt es einen neuen Trend: Gemeinden werden zu energetischen Selbstversorgern.

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Ein Drittel weniger Energie

Was fällt Ihnen zur Gemeinde Erstfeld ein? Vielleicht NEAT-Baustelle oder Gotthard-Basistunnel? Kaum bekannt ist, dass Erstfeld nach Lausanne und Zürich den dritten Rang unter den Schweizer Energiestädten einnimmt. Mit dem «European Energy Award Gold» reiht sich Erstfeld gar in die besten Energiestädte Europas ein – obwohl Erstfeld mit seinen 3800 Einwohnern per Definition nicht einmal eine Stadt ist. Die Urner Gemeinde hat die Energiewende bereits geschafft. Sie deckt ihren Strombedarf zu hundert Prozent aus erneuerbarer Energie. Wasserkraft, Photovoltaik und Effizienzmassnahmen sind der Schlüssel zum Erfolg. Zum Konzept gehören aber auch Massnahmen wie Tempo 30 innerorts, Energiebildung für Schüler, Prämien für energieeffiziente Geräte und nicht zuletzt ein jährliches Fest, an dem die Bewohner ihre energetische Unabhängigkeit feiern. Zu Recht dürfen die Einwohner von Erstfeld stolz auf ihre Leistung sein, ihr Energieverbrauch liegt mit 3700 Watt deutlich unter dem Schweizer Durchschnitt von rund 5500 Watt pro Person.




Mein BildErstfelds Energiewende in Zahlen. © 2000watt.ch

Die Walliser Energieregion

Jenseits der «Üsserschwiiz» hat sich eine weitere energetische Erfolgsgeschichte entwickelt. Vor neun Jahren hat sich im Wallis die «Energieregion Goms» formiert. Ihre Vision: Energie so effizient wie möglich einzusetzen und eine nachhaltige, dezentrale und lokale Energiegewinnung zu fördern. Die Vision wurde Realität. Heute produzieren die 13 Oberwalliser Gemeinden zehnmal mehr erneuerbaren Strom als sie selber benötigen. Es wurden Arbeitsplätze in der Region und für die Ferienregion ein positives Image geschaffen. Die Energieregion profitiert von viel Wasserkraft, hat aber auch Photovoltaikanlagen auf Dächern oder an Lawinenverbauungen realisiert und Windenergie auf dem Griespass erschlossen. Es wurden Fernwärmenetze geschaffen und Wärmepumpen in Betrieb genommen. 2015 produziert die Energieregion Goms 615'176 MWh, das entspricht dem Energiebedarf von rund 93'000 Durchschnittschweizern. Das nächste grössere Projekt wird der «Energiepark Z’Brigg», eine Kombination aus Pellets und Biogasanlage, an die auch die Abwasserreinigung angeschlossen wird.

Die Region Goms hat mit ihrer Energiestrategie national und international Aufsehen erregt. Auf die Nachfrage hat man reagiert und bietet für Delegationen und Interessierte nun Exkursionen an – zu denen man am besten mit Elektroautos fährt. Diese vermietet Goms seit letztem Sommer an die Bevölkerung und Touristen.


Mein BildPilotanlage Windpark Gries. © energieregiongoms.ch

Sonnige Gemeinde

Beim dritten Erfolgsbeispiel handelt es sich ebenfalls um eine kleine Gemeinde. In Hohentannen im Kanton Thurgau begann die Energiewende 2007. Eine Evaluation der eigenen Stärken, Schwächen und Chancen bewog den Gemeinderat dazu, langfristig zu denken und auf Nachhaltigkeit zu setzen und startete das Projekt «GemeindePower». Zu diesem Zeitpunkt gab es keine einzige Photovoltaikanlage im Dorf. Heute deckt die kleine Gemeinde einen Drittel seines Strombedarfs mit der Kraft der Sonne. Dies ist zu einem grossen Teil der Begeisterung der Bevölkerung zu verdanken. Die Gemeinde baute lediglich zwei Anlagen, die dreissig weiteren Solaranlagen entstanden auf Initiative der Bewohner. Auch beim Heizen machte Hohentannen ebenfalls einen grossen Sprung in Richtung Unabhängigkeit. Der neue lokale Wärmeverbund versorgt jedes zweite Haus und 75% aller Haushalte heizen mit heimischem Holz. Seit dem Strategiewechsel geht es der Gemeinde nicht zuletzt wirtschaftlich wesentlich besser: 2007 hatte Hohentannen die zweithöchste Verschuldung im Kanton Thurgau, heute ist die Gemeinde schuldenfrei.




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